Zwischen Funktion und Würde: Warum Esshilfen selten schön gestaltet sind

Zwischen Funktion und Würde: Warum Esshilfen selten schön gestaltet sind

Essen ist einer der grundlegendsten menschlichen Momente. Es strukturiert den Tag, schafft Orientierung und verbindet uns mit Gewohnheiten, Erinnerungen und Identität. Gerade in fragilen Zeiten – bei Krankheit, im Alter oder während eines Spitalaufenthalts – gewinnt dieser Moment an Bedeutung. Umso auffälliger ist es, wie stark sich das Erleben des Essens verändert, sobald unterstützende Hilfsmittel ins Spiel kommen.

In vielen Pflegekontexten sind Esshilfen vor allem eines: funktional. Rutschfeste Teller, ergonomische Bestecke, leichte Becher oder Schnabeltassen sind darauf ausgelegt, Handhabung zu erleichtern, Risiken zu minimieren und Abläufe effizient zu gestalten. Häufig bestehen sie aus Kunststoff, sind robust, standardisiert und leicht zu reinigen. Diese Eigenschaften sind nachvollziehbar – sie entsprechen den Anforderungen eines Systems, das unter Zeitdruck funktioniert und Sicherheit gewährleisten muss.

Und dennoch bleibt eine Frage: Warum sind diese Produkte so selten auch ästhetisch gestaltet?

Der französische Soziologe Claude Fischler beschreibt Essen als einen zentralen Bestandteil unserer Identität – nicht nur in Bezug auf das, was wir essen, sondern auch darauf, wie wir essen. Gefässe, Materialien und Rituale prägen das Erleben wesentlich mit. Wenn sich diese verändern, verändert sich auch die Wahrnehmung der Situation selbst.

In der Pflege bedeutet das: Ein Teller ist nicht nur eine Oberfläche, ein Becher nicht nur ein Gefäss. Sie sind Teil eines sensiblen Moments, in dem Selbstständigkeit, Abhängigkeit und Würde eng miteinander verwoben sind. Materialien spielen dabei eine entscheidende Rolle. Kunststoff ist leicht und praktisch, aber oft auch neutral, kühl und anonym. Keramik oder andere hochwertige Materialien hingegen bringen Gewicht, Haptik und eine gewisse Vertrautheit mit sich. Sie erinnern an den Alltag ausserhalb institutioneller Räume.

Dass Gestaltung einen Einfluss auf das Wohlbefinden hat, ist kein neues Erkenntnisfeld. Der Umweltpsychologe Roger Ulrich konnte zeigen, dass bereits visuelle Faktoren wie Ausblicke ins Grüne Heilungsprozesse positiv beeinflussen können. Überträgt man diesen Gedanken auf den unmittelbaren Umgang mit Objekten, wird deutlich, dass auch scheinbar kleine Details eine Wirkung entfalten können – auch wenn sie sich schwer quantifizieren lassen.

Esshilfen bewegen sich somit in einem Spannungsfeld: Sie sollen unterstützen, vereinfachen und sicher sein, gleichzeitig sind sie Teil eines zutiefst menschlichen Rituals. Dennoch scheint Gestaltung in diesem Bereich oft nachrangig zu sein. Viele Produkte wirken, als seien sie ausschliesslich aus der Perspektive der Funktion entwickelt worden – mit wenig Aufmerksamkeit für Materialität, Farbgebung oder formale Qualität.

Das ist kein Vorwurf, sondern Ausdruck bestehender Prioritäten. In einem System, das auf Effizienz und Standardisierung angewiesen ist, erscheinen gestalterische Fragen schnell als zweitrangig. Doch gerade hier liegt ein bislang wenig genutztes Potenzial. Denn gut gestaltete Produkte könnten nicht nur funktional überzeugen, sondern auch das Erleben verbessern – für Patient:innen ebenso wie für Pflegepersonen.

Es geht dabei nicht um Luxus oder dekorative Überhöhung, sondern um eine Erweiterung des Blicks. Warum sollten Esshilfen nicht so gestaltet sein, dass sie sich selbstverständlich in den Alltag einfügen? Warum sollten sie nicht sowohl hygienisch und praktisch als auch angenehm in der Hand und im Gebrauch sein? Und warum sollten Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, auf diese Qualität verzichten müssen?

Vielleicht beginnt ein Umdenken genau an dieser Schnittstelle. Nicht im radikalen Ersatz bestehender Systeme, sondern in der bewussten Weiterentwicklung von Details. In Produkten, die Funktion und Gestaltung nicht als Gegensätze verstehen, sondern als Einheit.

Denn auch in der Pflege gilt: Der Mensch verschwindet nicht hinter der Funktion. Und vielleicht zeigt sich genau darin, wie wir die Dinge gestalten, mit denen wir täglich umgehen.

wecarewithdesign

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