Mehr als Beduftung: Aromen als Fürsorgepraxis

Mehr als Beduftung: Aromen als Fürsorgepraxis

Aromen werden heute weit über klinische oder therapeutische Kontexte hinaus genutzt. In Kaufhäusern, Hotels, Supermärkten oder Agenturen dienen sie dazu, Kund:innen zu lenken, Konsumdruck zu regulieren oder Dichtestress in Bahnhöfen, Bussen und engen Räumen zu mindern. Auch fortschrittliche Spitäler arbeiten mit Düften, vor allem in Eingangsbereichen, Wartehallen oder Notaufnahmen, um Panik, Todesängste und Tumulte zu reduzieren. Wie mir ein Gespräch mit dem Geschäftsführer von GoodAir, einem Schweizer Duftmarketing-Unternehmen, verdeutlichte, liegt die größte Herausforderung darin, vielen unterschiedlichen Gruppen gerecht zu werden: «Kommunikation mit Duft kann Missverständnisse evozieren. Einerseits sollen Menschen beruhigt werden, andererseits dürfen Pflegende und Ärzt:innen nicht in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden.»

In Pflege- und Altersheimen sowie auf Palliativstationen wird mit Aromen deutlich individueller umgegangen. Hier dienen sie weniger der allgemeinen Beruhigung einer Masse, sondern werden spezifisch für einzelne Menschen in klar umrissenen Situationen eingesetzt. Die Beduftung wird ritualisiert, individuell abgestimmt und bewusst dosiert. Diffuser und automatische Systeme, die in öffentlichen Einrichtungen zum Einsatz kommen, finden hier nur bedingt Anwendung. Vielmehr sind kleine Gefäße, Duftstäbchen oder ritualisierte Handlungen üblich. Der Duft wird so zu einem Medium, das nicht nur physische und psychische Wirkung entfaltet, sondern auch soziale Dimensionen berührt. Er markiert Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Fürsorge und schafft zugleich eine Wahrnehmungsebene, die über das rein Sichtbare hinausgeht. Aromen werden hier zu einem sozialen Kapital (Bourdieu, 1983), das signalisiert: Hier zählt der einzelne Mensch, seine Bedürfnisse, sein Erleben und seine Würde.

Die besondere Qualität von Aromen in der Palliative Care liegt darin, dass sie Zeitlichkeit, Raum und Aufmerksamkeit miteinander verbinden. Sie strukturieren Momente, markieren Übergänge und begleiten Prozesse wie Trauer, Abschied und Sterben. Während Luxusdüfte in Hotels oder Boutiquen Distinktion und soziale Positionierung signalisieren, schaffen Aromen in Hospizen und Palliativstationen Erfahrungsräume, die das individuelle Erleben intensivieren, ohne inszenatorisch zu wirken. Frisby (1989) verweist auf die segmentierte Wahrnehmung der modernen Konsumgesellschaft: Sinneseindrücke werden abstrahiert, selektiv bewertet und punktuell wahrgenommen. In der Palliative Care werden Aromen gezielt eingesetzt, um diese selektive Wahrnehmung zu fokussieren und die Aufmerksamkeit auf einzelne Momente und Menschen zu lenken.

Der historische Blick zeigt, dass Düfte schon lange Teil der Sterbe- und Pflegekultur waren. Weihrauch, Kräuter, Salben und Blüten begleiteten Menschen in der letzten Lebensphase und markierten rituelle Übergänge. Heute wird diese Praxis modernisiert und individualisiert: Anstelle kollektiver Rituale treten personalisierte Beduftungen, die auf Vorlieben, Erinnerungen oder kulturelle Gewohnheiten der Sterbenden abgestimmt sind. Die Aromen wirken wie subtile Marker von Präsenz, Erinnerung und Fürsorge. Sie schaffen einen sinnlich erfahrbaren Raum, der das Sterben und die Trauer sowohl begleiten als auch gestalten kann.

Gleichzeitig zeigt sich eine ökonomische Dimension: In öffentlichen Bereichen werden Beduftungen standardisiert, technologisiert und oft industriell umgesetzt, während in der Palliative Care auf einfache, wartungsarme und persönliche Lösungen gesetzt wird. Dies verweist nicht nur auf Unterschiede im ökonomischen Kapital (Bourdieu, 1983), sondern auch auf unterschiedliche Prioritäten: In der Palliative Care steht der Mensch im Zentrum, nicht die Inszenierung. Die Aromen sind hier kein Konsumgut, kein Luxus, sondern Medium der Beziehung, des Mitgefühls und der Teilhabe. Sie wirken im Stillen, eröffnen Rituale, Struktur und Stabilität in Zeiten, in denen Trauer, Schmerz oder Abschied die Sprache nehmen und Zeit wie Raum subjektiv erfahrbar werden lassen.

Aromen sind somit mehr als Duftstoffe. Sie sind Instrumente, die Wahrnehmung lenken, soziale Praxis sichtbar machen, Rituale begleiten und Räume für Abschied, Trauer und Sterben gestalten. In der Palliative Care ermöglichen sie eine ästhetische, sinnliche und soziale Erfahrung, die den Sterbeprozess menschlicher, erfahrbarer und reflektierbar macht – ohne inszenatorische Überhöhung, sondern in enger Verbindung mit den individuellen Bedürfnissen der Menschen, die sie begleiten.

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